Autor Thema: Tröstender Benjamin  (Gelesen 9703 mal)

Helena

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Tröstender Benjamin
« am: 15. Februar 2012, 21:45:09 »
Unser Tröstender Benjamin

Es ist bei uns schon über 11 Jahre her, aber so ein Verlust ist trotz alle dem nur schwer zu ertragen.

An einem schönen Herbsttag im Oktober 2000 hatte ich auf einmal starke Unterleibsschmerzen und wusste nicht was los war. Es war der 16. Oktober 2000. Ich habe darauf hin meinen Mann angerufen, welcher sich sofort auf den Weg gemacht hat. Konstantin hatte von unterwegs meine Mutter angerufen, welche Gott sei Dank Zeit hatte und uns in die Klinik begleitet hat. Das was ich absolut nie wollte, eine Entbindung in der Klinik.

Dort haben sie mich erst einmal eingehend untersucht und haben durch einen Ultraschall festgestellt, dass unser Kind keinen Herzschlag mehr hat.
Es war für uns als ob die Welt stehen bleiben würde. Uns wurde im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter den Füßen weggezogen.

Ich habe darauf hin, die Pastorin angerufen, welche uns getraut hat. Ich kannte sie seit dem ich nach Deutschland zurückgekommen war. Sie ist eine gute Freundin von mir. Ich wollte sie in meiner Nähe wissen. Die Ärztin sagte mir nach ihrer Ankunft, das sie mir ein Wehenförderndes Mittel geben müsste um die Geburt auszulösen, was für mich absolut undenkbar war. Ich wollte partout keine künstlichen Wehen und vor allem nicht zu früh.

Ich wollte dieses Kind partout nicht zu diesem Zeitpunkt zur Welt bringen. Mein Mann konnte mich sehr gut verstehen. Auch für ihn war es sehr schwer zu verkraften, dass unser Kind nicht mehr am Leben war.


Für mich war es unheimlich schwer zu ertragen, weil ich wusste, dass ich dieses Kind auf natürlichem Wege zur Welt bringen musste und es nicht schreien würde und sehr klein sein würde und einfach nicht atmen würde.
Wir hatte ein eigenes Zimmer und konnten uns darin ausbreiten wie wir wollten und wurden auch nicht gestört. Dort haben wir die Nacht verbracht und haben versucht mit Hilfe unserer Pastorin ein Stück weit zu begreifen, was wenige Stunden zuvor passiert ist.

Am morgen des 17. Oktober 2000 haben wir letztenendes unsere Einwilligung gegeben mir Wehenfördernde Mittel zu geben. Die ersten Wehen kamen gegen halb 11 Uhr morgens. Die ersten Stunden über fühlte es sich eher wie ein ziehen und schmerzen im Unterleib an. Ich konnte eigentlich fast alles damit machen, weil es nicht so sonderlich weh tat. Ich bin mit Konstantin und der Pastorin in die Kapelle gegangen und wir haben mit ihr auch die Nottaufe des Kindes besprochen. Wir wollten unbedingt das unser Kind Gottes segen hat und von ihm begleitet wird. Wir haben mit dem Klinikpersonal, bzw. mit Hilfe der behandelnden Gynäkologin arrangiert, dass wir für eine Gute Halbe Stunde den Raum der Stille im Elbeklinikum Stade haben durften.

Während dieser ganzen Zeit war ich teilweise wie in Trance. Ich wusste teilweise nicht wie mir geschieht. Aus dieser Trance oder Starre wurde ich gegen 15 Uhr urplötzlich herausgeholt, als auf einmal die Wehen heftig.

Ich habe dagegen angeatmet und gepresst und um 16:30 erblickte Benjamin das Licht der Welt. Ich war in der 22. Schwangerschaftswoche. Er war nur 28 Zentimeter groß und wog 420 Gramm. Er war so klein und doch so wunderschön. Unser Kind, unser Sohn, unser Benjamin.
Wir haben dann die Zeit als Familie genossen. Wir haben uns dann erneut an die Ärztin gewandt, welche uns geholfen hat den "Raum der Stille" zu bekommen. Diese hat uns den Raum dann für 19:00, nach der offiziellen Schließungszeit zur Verfügung gestellt.
Meine Eltern haben meine Großeltern abgeholt, damit diese anwesen sein konten. Die Pastorin haat improvisiert und eine Art Taufbecken arrangiert. In Anwesenheit meiner Eltern, Großeltern und Schwiegereltern (Haben sich nach Beginn der Wehen mit ihren anderen beiden Kindern auf den Weg gemacht), meiner Schwägerin, meines Schwagers, des Kreissaaltems und der Pastorin in einer Nottaufe getauft.

Er wurde auf den Namen Benjamin James Matthew Caleb Zachary M getauft. James ist eine englische Form von Jacob, nach dem Urgroßvater meines Mannes Jacob, Matthew nach meinem Urgroßvater Matthew, Caleb fanden wir schön und Zachary nach meinem Großvater Zachary. Benjamin ist ein schöner Name und bedeutet: „Sohn meiner rechten Hand“ oder auch „Glückskind“, „Sohn des Glücks“, „Sohn des Trostes“.
Wir fanden diesen Namen einfach passend. Er war ein Kind des Glücks oder Glückskind.

Nach der Taufe haben wir uns wieder auf unser Zimmer zurück gezogen. Dort haben wir die Nacht mit Benjamin verbracht, und am nächsten Morgen haben wir ihn der Pastorin übergeben, welche sie die Ärztin übergeben hat. Sie haben sich dann um die Bestattung gekümmert.

Diese fand am 21. Oktober 2000 auf dem Stader Horstfriedhof statt. Unsere Pastorin war an unserer Seite, da ihre Gemeinde nicht in Stade ist. Außerdem waren unsere Familie und die engsten Freunde an unserer Seite. Was uns gefreut hat, war das sogar einige Krankenhausmitarbeiter anwesend waren. Er lag in einem kleinen weißen Sarg, in einem süßen blauen Strampler. Er hatte mehrere Gaben bei sich. Von der Pastorin hatte er einen Bibelspruch bei sich, von uns hat er ein Kuscheltier bekommen und auch meine Eltern und Schwiegereltern und sogar das Kreissallteam haben ihm Geschenke mitgegeben.

Er wird immer unser erstes Kind bleiben und wir werden immer an Benjamin denken.

Helena und Konstantin
« Letzte Änderung: 18. Juli 2012, 19:20:08 von Helena »

Mondlaus

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Antw:Tröstender Benjamin
« Antwort #1 am: 15. Februar 2012, 21:48:05 »
 :'( s-druecken
Kind 2011
Kind 2014
...


Helena

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Antw:Tröstender Benjamin
« Antwort #2 am: 15. Februar 2012, 21:49:42 »
Hallo Mondlaus!

Danke!

Helena

Sommernachtstraum

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Antw:Tröstender Benjamin
« Antwort #3 am: 15. Februar 2012, 21:53:04 »
Ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll. Der Bericht ist wirklich toll geschrieben. Mir stehen die Tränen in den Augen. Man liest aber auch, wie sehr Ihr Euren Benjamin liebt.  s-druecken
Ich bin eine gereifte Frau mit jugendlichem Aussehen. Und wenn Ihr das nicht glaubt, geb ich Euch die Nummer von dem Typen, der das gesagt hat!

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Antw:Tröstender Benjamin
« Antwort #4 am: 15. Februar 2012, 22:14:05 »
mir fehlen grad die Worte....  :'(  s-druecken

Man muss sich schon wundern, warum wir an unseren Erwartungen festhalten.
Das Erwartete ist das, was uns in der Balance hält... aufrecht... ruhig.
Was wir erwarten, ist nur der Anfang.
Das, was wir nicht erwarten ist das, was unser Leben verändert.

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Antw:Tröstender Benjamin
« Antwort #5 am: 16. Februar 2012, 09:46:57 »
 :'( Ich hab heute vor 7 Jahren meine Tochter gehen lassen müssen, sie ist nur 9 Wochen alt geworden :-[
Sie war auch mein 1.Kind und vergessen werden wir sie nie :-*

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Antw:Tröstender Benjamin
« Antwort #6 am: 16. Februar 2012, 17:08:10 »
Fuhhhhh! Da musste ich jetzt erstmal tief durchatmen und die Tränen wegwischen. Sehr ergreifend. Ich sitze vor dem PC und im Tragetuch halte ich meinen 9 Wochen alten Sohn und ich erinnere mich an all die Angst, die ich während der Schwangerschaft hatte, dass genau so etwas passieren würde, wie mit Benjamin geschehen ist und Nadines Post erinnert mich daran, welche Sorge ich seit seiner Geburt um ihn habe.

Ich bewundere Dich, Helena, wie Dein Mann und Du mit diesem Schicksalsschlag umgegangen seid und wie liebe- und respektvoll Ihr das tote Kind aufgenommen habt.

So einen Schatz zu verlieren, ist das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Ihr habt wirklich meine ganze Hochachtung, Helena und Nadine.

Helena

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Antw:Tröstender Benjamin
« Antwort #7 am: 21. Februar 2012, 17:18:54 »
Hallo!

Sommernachtstraum: Ja wir lieben Benjamin wirklich sehr. Er ist zwar nicht mehr bei uns aber er wird von uns und von Josefina, Frederik und Mathilda geliebt. Wir gehen mit allen 3 Kindern regelmäßig auf den Friedhof und alle von ihn wissen was mit Benjamin passier ist.

Sonina: Das glaube ich.

Nadine: Das tut mir Leid, dass du deine Tochter gehen lassen musstes. Ich wüsste gar nicht was schwieriger ist, ein Kind loszulassen, welches auf der Welt geatmet und gelebt hat oder eines welches nie auf der Welt geatmet und gelebt hat. Aber du hast recht. Wir werden unsere Kinder weiterhin lieben und sie werden immer in unseren Herzen sein.

Thanee: Klar sind wir mit ihm respektvoll umgegangen. Er war ein Lebewesen, ein Mensch, unser Sohn. Wieso sollte man mit einem Menschen nicht respektvoll umgehen. Er war zwar schon verstorben aber er war immer noch ein Mensch und unser Kind. Wir mussten damit umgehen und haben dies nach bestem wissen und gewissen getan, so wie wir es damals für richtig hielten.
Ja es ist schlimm so einen Schatz zu verlieren, aber man darf nicht zulassen, dass man daran zerbricht. Man muss sich rechtzeitig Hilfe holen oder jemandem anvertrauen. Man lernt Gott und anderen Sachen, denen man anfangs die Schuld gibt zu verzeihen und weiter zu leben. Er hat einen festen Platz in unserem Leben.

Wir haben in der Diele und im Wohnzimmer Bilder der Kinder hängen und dort hängt seit Oktober 2000 ein Bild von Benjamin neben seinen Schwestern und seinem Bruder.

Helena

 

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