Autor Thema: Trauma oder Trotz  (Gelesen 3750 mal)

mausekind

  • Gast
Trauma oder Trotz
« am: 10. Oktober 2012, 19:51:55 »
Hallo! Wir haben ein Pflegekind mit 3,5 Jahren das schwer vernachlässigt war. Leider verursacht das mehr Probleme als man sich vorher vorstellen kann. Er ist nun ein jahr bei uns, hat sich gut entwickelt und auch die Auffälligkeiten sind an sich weniger geworden. Wenigr - aber nicht weniger schwer.
Aktuelle Situation: Spaziergang. Kind will nicht heim. Schreit trotz, steigert sich rein bis unansprechbar. Will man ihn berühren schmeißt er sich hin. Läßt man es und steht daneben schreit er und streckt di eHand aus. Ich wieder hin, er "nein" schreit weiter am Boden und tritt und so geht das dahin. Er neigt dabei dazu sich selbst zu verletzen leider aber man kommt nicht an ihn ran. Klingt gelesen vielleicht nach trotz aber der ist richtig weggetreten und das dauert unendlich lang. ich sag mal 1-2 Stunden ist keine Seltenheit bis er soweit runter ist dass man ihn hochheben kann ohne Gefahr dass er wieder runterfällt vor lauter treten oder uns verletzt (wirft zb. den kopf mit voller wucht gegen das gesicht desjenigen der ihn hochhebt usw)
weiß jemand rat?
danke im voraus

mausekind

  • Gast
Antw:Trauma oder Trotz
« Antwort #1 am: 10. Oktober 2012, 19:52:35 »
kleines PS: leider kann er nicht reden - ist überhaupt schwer entwicklungsverzögert. Sonst wäre es leichter zumindest hinterher einiges zu klären


Fliegenpilz

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Antw:Trauma oder Trotz
« Antwort #2 am: 10. Oktober 2012, 19:59:05 »
Das klingt sehr traurig - und du sehr verzweifelt.

Was sagt euer Kinderarzt zu der Situation?
Und hat euch das Jugendamt auf mögliche traumatische Erlebnisse hingewiesen & aufgeklärt?

Pünktchen

  • Gast
Antw:Trauma oder Trotz
« Antwort #3 am: 10. Oktober 2012, 20:09:18 »
Hallo mausekind,

Trotz oder Trauma- es wird mit großer Wahrscheinlichkeit eine Kombination aus beidem sein. Als Pflegeeltern werdet ihr doch sicher betreut. Ich würde mit dieser Anlaufstelle in Kontakt treten und mit dem Jungen zu einer Therapie gehen. Eine Kombination aus Psychotherapie und Logopädie wird notwendig sein.

Wichtig ist dem Jungen trotzdem weiter an feste Regeln und Rituale zu gewöhnen. Diese geben Sicherheit und fehlen meist in "vernachlässigenden" Familien. In Momenten in denen er entspannt ist, ist Körpernähe sehr wichtig. Man kann z.B. Eine Höhle bauen und darin gemeinsam ein Buch anschauen... Wichtig dabei immer auf die Signale des Kindes zu achten.

Dokumentation ist wichtig für Therapeuten und Fachstellen. Versuch konkrete Wutanfälle aufzuschreiben. So könnt ihr dann gemeinsam Strategien entwickeln, diese zum Wohl des Jungen zu lenken.

mausekind

  • Gast
Antw:Trauma oder Trotz
« Antwort #4 am: 10. Oktober 2012, 20:26:45 »
danke - das ist ganz toll, dass so schnell Antworten kommen. Ich bin zur Zeit wirklich fertig. Es ist nicht unser einziges Kind und er kann auch ganz extrem fröhlich und lieb sein und Nähe zulassen. Aber wenn er sich da reingesteigert hat ist wirklich gar nichts zu machen.
Gemeldet hab ich das schon mehrmals aber so wie man sich das vorstellt ist es mit der Betreuung leider nicht. :(

Pünktchen

  • Gast
Antw:Trauma oder Trotz
« Antwort #5 am: 10. Oktober 2012, 22:08:51 »
Das Kind hat euch doch jemand übergeben. Wahrscheinlich jemand vom Jugendamt. Diese Person ist somit zuständig für den Fall und eure Ansprechperson. Ihr könntet dort um ergänzende Hilfen für das Kind beantragen bzw bitten. (Je nach Mitarbeiter ein Ding der Unmöglichkeit; aber einen Versuch ist es Wert)

Ansonsten der andere Weg: Kinderarzt -Therapeuten-Kindergarten. Auch bieten Soziale Anlaufstellen wie Rotes Kreuz, Caritas oder das Gesundheitsamt Beratung und Hilfen an. Ruhig alle Mittel ausschöpfen. Pflegeeltern sind verdammt wichtig und ich finde es toll, dass ihr eine so schwere Aufgabe übernehmt, aber ihr müsst das nicht alleine schaffen.

zuz

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Antw:Trauma oder Trotz
« Antwort #6 am: 11. Oktober 2012, 01:41:27 »
Ich würde mir in so einem Fall auf jeden Fall psychologische Hilfe holen!
Da gibt es die Beratungsdienste in der Stadt (meist von der Stadt selbst, Caritas, JA), den Kinderschutzbund als kostenlose und natürlich "echte", die aber halt kosten.

Ansonsten hat mir mal eine Psychologin erzählt, dass sie ein Kind hatte, deren Mutter depressiv war. Deshalb "durfte" das Kind zur rechten Zeit nicht trotzen, weil es die Mutter beschützen musste. Mit 5 hat sie das dann nachgeholt, aber richtig. Es scheint also durchaus vorzukommen. Das "Wegschreien" bis zur Unansprechbarkeit kennt man von 2-jährigen, gesunden Kindern ja durchaus auch. Geht bis hin zu Krämpfen und sogar Bewusstlosigkeit.

Dass er nicht redet, ist natürlich zusätzlich sehr schwierig. Könnt Ihr evtl. Zeichen ausmachen? Weißt Du, in welchen Situationen es besonders auftritt, so dass Du die evtl. umgehen/modifizieren kannst?
Bei "normalen" Kindern steckt ja oft etwas Banales dahinter: Müdigkeit, Durst, Hunger, den sie nicht artikulieren können. Oft "bocken" die Kinder dann immer zur selben Zeit und es hilft, 20 Min vorher etwas zu essen zu geben.

Insgesamt würde ich die Anfälle aber auch als echten Vertrauensbeweis werten. Bei Euch darf er sich endlich wie ein echtes Kind verhalten, sich fallen lassen, ohne Angst haben zu müssen, dass ihm etwas passiert.  :-*

Bettina

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  • Bullerbü :)
Antw:Trauma oder Trotz
« Antwort #7 am: 11. Oktober 2012, 08:40:52 »
Da habt ihr euch einer großen Aufgabe angenommen ... Respekt  :-*.

Vieles wurde schon genannt. Beim JA wie bei vielen anderen Stellen ist das oft so eine Glückssache, ob man gut und intensiv und noch dazu kompetent beraten wird oder ziemlich allein dasteht. Ich würde aber mal vermuten, dass die euch ohnehin an andere Stellen verweisen, weil das doch ein Problem ist, was über JA-Thema hinaus geht.

Kinderarzt, Psychologen, evtl. Traumatherapeut, Ergotherapie, Logopädie, das sind alles Dinge, die abzuklären sind auch von euch allein. Dafür braucht ihr das JA nicht. Dokumentation, eine Art Tagebuch finde ich sehr gut. Da lässt sich vielleicht auch ein Zusammenhang langfristig herstellen, ob vielleicht am Tag vorher oder an einer bestimmten Situation gewesen ist, was es auslöst.

Von Pflegeeltern hier vor Ort kenne ich das, dass sie sich auch regelmäßig untereinander treffen, sich gegenseitig unterstützen, eine Art Selbsthilfegruppe. Weil es doch sicherlich auch in anderen Pflegefamilien nicht Jubel-Trubel-Heiterkeit abläuft, sondern die Kinder halt ihre Probleme/Geschichte mitbringen. Vielleicht kannst du da auch noch Tips bekommen. Zuz´s Idee mit der Zeichensprache finde ich toll. Klar soll das Ziel sein, dass er spricht, aber wenn er ohnehin Entwicklungsverzögert ist, dann ist sowas wie Babyzeichen oder einfache Gebärden, wie gehörlose Kinder sie lernen sehr gut und können ihm helfen sich mitzuteilen. Ich hab es selbst nicht ausprobiert, aber ich hab es oft gehört von Eltern, die diese Babyzeichen machen, dass die Kinder ausgeglichener sind, weil sie sich mitteilen können, auch wenn die Sprache es noch nicht hergibt.

Ich schick dir mal ganz viel Kraft und heiße dich hier Herzlich Willkommen  :-*!
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regenbogen78

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Antw:Trauma oder Trotz
« Antwort #8 am: 11. Oktober 2012, 09:40:18 »
hallo mausekind,

ich würde euch auch empfeheln den kiarzt nach geeigneter stelle zu befragen (kinderpsychotherapeut) bzw ein sozialpädiatrisches zentrum!....(das weiss der kiarzt)....

ich habe jahrelang im heimbereich gearbeitet und weiss wie "schwer" es euch mit bestimmten verhaltensweisen gehen muss....viel kraft :-*

das JA ist leider meist nie der geeignete ansprechpartner :-(

lg regenbogen78

"Die Zukunft hat viele Namen. Für die Schwachen ist sie die Unerreichbare, für die Furchtsamen ist sie die Unbekannte, für die Tapferen ist sie die Chance."



 

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