Einige wenige Minuten später fielen die Herztöne meines Babys von etwa 150 auf 90 ab. Mir wurde plötzlich ganz schlecht. Ich zog an der Klingel, nichts passierte. Die Herztöne fielen immer weiter, mein Bauch wurde steinhart, er entspannte sich gar nicht mehr. Ich sprang von meinem Stuhl auf, zog die Tür auf und schrie nur noch „Hilfe!!! Mit meinem Baby stimmt was nicht!“ Daraufhin kamen sofort zwei Hebis, die mir halfen, mich aufs Kreißbett zu legen.
Doch die Herztöne wurden nicht besser. Sie spritzten mir einen Wehenhemmer, um meine Dauerkontraktion zu unterbrechen, aber auch dadurch wurden die Herztöne nicht besser. Die Ärztin kam und innerhalb weniger Sekunden war ich nackt ausgezogen und bekam ein OP-Hemdchen an. Sie rief im OP an, und den Oberarzt und das Kinderkrankenhaus. Die Herztöne des Kleinen waren mittlerweile um die 60 und ich hatte solche Angst. Ich wusste, dass ich nun ganz tief in den Bauch atmen musste und das tat ich auch. Tief ein, lange aus. Ich wurde dann noch auf ein fahrbares Bett umgelagert und dann ging es los. Ich hielt mir die Hände vors Gesicht, um nicht die vielen Lichter sehen zu müssen. Ich rief noch „Jemand muss meinem Mann Bescheid sagen!“ und schon waren wir im Fahrstuhl. Ich atmete tief ein und lange aus. Ich hoffte so sehr, dass mein Baby noch lebte... Es war furchtbar. Ich konnte die Herztöne nicht mehr kontrollieren, weil wir ja kein Gerät dabei hatten.
Im Flur vorm OP musste ich noch einmal „umsteigen“ und wurde dann in den OP geschoben. Da waren so viele Leute, ich hörte nur noch die Hebi, die sagte „Ich muss mich noch umziehen!“ und die Ärztin, die antwortete „Dafür ist keine Zeit mehr.“ Dann hatte ich eine Maske auf dem Gesicht, ein weiterer Mann nahm meinen Arm. Sie hängten mir ein grünes Tuch zwischen Kopf und Bauch und die Ärztin fragte immer wieder „Kann ich endlich anfangen?“ In meinem Kopf kreiste nur der Gedanke, warum niemand mehr die Herztöne kontrolliert. Ich wollte wissen, ob mein Baby noch lebt, aber ich konnte es nicht erfahren. Ich merkte, wie der Mann an meinem Arm nun etwas in den Zugang spritzte, als die Ärztin wieder die Frage stellte, ob sie nun endlich anfangen könne. Der Mann, der mir die Maske aufs Gesicht drückte, antwortete „Jetzt.“ und ich dachte nur „Nein, ich bin noch wach.“ (Ich bin der Meinung, dies gerufen zu haben, aber dazu hat es wohl nicht mehr gereicht.) Ich merkte, wie die Ärztin das Messer an meinem Bauch ansetzte und schlug mit der linken Hand gegen den Bauch. Dann wirkte die Narkose.
Marlon erblickte das Licht der Welt (oder des OPs) am 30.03.2010 um 21:49 Uhr mit 53 cm, 3720g und 35,5 cm Kopfumfang.
Als ich wieder wach wurde, lag ich in einem dunklen Zimmer. Es war so ungefähr halb elf, glaube ich, aber ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Mein dicker Kugelbauch war weg, leer. Es war kein Leben mehr darin. Dann kam die Ärztin, die mir irgendwas erzählte, was ich nicht mehr im Detail erinnere. Ich weiß nur noch, dass sie sagte, es wäre alles gut verlaufen, meinem Sohn würde es gut gehen.
Irgendwann später kam dann mein Mann und ich weiß gar nicht mehr, wer mir sagte, dass mein Kind nicht da ist, aber ich weiß noch, dass ich ab diesem Moment nur noch geweint habe. Ich hatte ein Kind geboren und konnte es nicht sehen. (Jetzt muss ich schon wieder weinen...) Ich glaube, mein Mann hat mir dann ein Foto gezeigt von unserem Bündel Leben. Er war wunderschön! Und unglaublich große Hände hatte er. Männe sagte mir, er wäre in Wirklichkeit noch viel schöner und ganz gesund.
Später wurden wir dann von diesem Aufwachzimmer auf ein Stationszimmer gebracht. Ich nötigte die Hebi dazu, nochmals im Kinderkrankenhaus anzurufen und nach dem Zustand meines Kindes zu fragen. Sie tat dies und versicherte mir, dass es ihm gut gehen würde. Wenn alles in Ordnung bliebe, könne er vielleicht auch am nächsten Tag zu mir kommen.
Mit diesem Wissen schliefen mein verstörter Mann und ich dann unter Tränen und total erschöpft ein. Ich wachte nachts immer wieder auf, musste weinen. Mein Mann schlief auch nicht wirklich und drehte sich nur von einer Seite auf die andere. Ich träumte schlecht, schrie immer wieder „Nein, du musst bei mir bleiben!“ und griff nur nach der Hand meines Mannes.